Die Automobilindustrie durchläuft eine digitale Revolution. Lange Zeit galt proprietäre Technologie als entscheidender Wettbewerbsvorteil, doch die rasante Entwicklung im Softwarebereich überfordert zunehmend die internen Kapazitäten der Hersteller. Statt auf kostspielige Alleingänge setzen Konzerne wie Stellantis, Volkswagen und BMW nun verstärkt auf Kooperationen und externe Spezialisten, um die Zukunft des Software-definierten Autos zu gestalten.
Software-Sorgen: Vom Alleingang zur Allianz
Die Komplexität moderner Fahrzeugsysteme – von Level-3-Assistenzfunktionen über vernetzte Cockpits bis hin zu Over-the-Air-Updates – hat eine kritische Schwelle erreicht. Eigene Software-Einheiten, einst als Garant für Innovationskraft gedacht, entpuppen sich oft als langsam und kostenintensiv. Das Paradebeispiel ist die VW-Tochter Cariad, die mit Verzögerungen bei wichtigen Software-Projekten für den Porsche Macan und Audi Q6 E-tron zu kämpfen hatte.
Stellantis musste sein Level-3-Assistenzprogramm sogar einstellen und setzt nun auf den übernommenen Spezialisten aiMotive. Diese Entwicklung zeigt einen klaren Trend: Die Grenzen der internen Entwicklung sind erreicht, externe Expertise und Partnerschaften werden zum Überlebensfaktor.
Kooperationen als neue Erfolgsformel
- Volkswagen & Xpeng: Gemeinsame Entwicklung einer zonalen Elektronikarchitektur und Software-Basis für den chinesischen Markt.
- Volkswagen & Rivian: Investition von 5,8 Milliarden US-Dollar in ein Joint Venture zur Nutzung von Rivians zonaler Architektur und Software-Stack.
- BMW & Tata Technologies: Gründung von BMW TechWorks India zur Entwicklung von Software für die „Neue Klasse“ unter Nutzung des indischen Talentpools.
Das Ende der proprietären Ära?
Analysten wie Fabio Hölscher von Warburg Research bestätigen diesen Wandel. Die Kosten für Softwareentwicklung übersteigen zunehmend die Möglichkeiten einzelner Marken. Eine Studie der Beratung MHP (2025) unterstreicht dies: Über 52 % der europäischen Hersteller betrachten Partnerschaften als entscheidend für ihre Zukunftsfähigkeit. Der klassische Wettbewerb um exklusive Technologie weicht einem Modell, in dem geteilte Software-Grundlagen und Plattformen die Norm werden.
„Künftig ist damit zu rechnen, dass Hersteller unsichtbare Software-Grundlagen und sogar Plattformen teilen, um ihre Position insbesondere in Europa zu sichern.“ – Fabio Hölscher, Warburg Research
Dieser Paradigmenwechsel birgt Chancen, aber auch Risiken. Einerseits können Entwicklungszeiten und -kosten drastisch gesenkt werden. Andererseits könnte die Abhängigkeit von externen Anbietern – die oft selbst Wettbewerber sind – neue strategische Fragen aufwerfen. Langfristig könnte dies zu einer Angleichung der technischen Basis führen, wodurch die Differenzierung für Endkunden primär über Design, Markenimage und spezifische Service-Angebote erfolgt.
Software im Auto: Eine Momentaufnahme
| Bereich | Herausforderung | Lösungsansatz |
|---|---|---|
| Autom. Fahren (L3+) | Hohe Kosten, techn. Komplexität | Spezialisierte Partner (z.B. aiMotive) |
| Infotainment/OS | Veraltungszyklen, Entwicklungszeit | Zonale Architekturen, offene Systeme |
| Fahrzeugarchitektur | Integration, Updates | Standardisierte Plattformen (z.B. STLA Brain) |
| Talentpool | Fachkräftemangel intern | Internationale Joint Ventures (z.B. Indien) |
Fazit: Die Zukunft gehört dem Netzwerk
Die Ära des einsamen Software-Entwicklers in der Automobilbranche scheint vorbei. Der Wettbewerb verschiebt sich vom „Wer hat die beste Eigenentwicklung?“ zum „Wer managt die besten Partnerschaften und Ökosysteme?“. Für Konsumenten könnte dies bedeuten, dass Software-Features schneller und zuverlässiger in die Fahrzeuge gelangen. Für die Hersteller ist es der Weg, um in einer zunehmend digitalen Welt relevant und profitabel zu bleiben.




