Das Tauziehen um die berüchtigten EU-Strafzölle auf chinesische Elektroautos erreicht im Februar 2026 seinen vorläufigen Höhepunkt. Anstatt die Zölle von bis zu 35,3 % starr durchzusetzen, bahnt sich ein Kompromiss an: die „Preisverpflichtung“. Was auf den ersten Blick wie ein Friedensangebot wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als hochkomplexes Instrument, das den Markt für E-Autos in Europa jahrelang zementieren könnte.
Zölle vs. Mindestpreise: Wer profitiert wirklich?
Seit dem Herbst 2024 belegt die EU-Kommission in China produzierte Elektroautos mit saftigen Ausgleichszöllen. Doch nun folgt die Kehrtwende hin zu Mindestpreisen. Der entscheidende Unterschied liegt im Geldfluss: Während Zölle direkt in den EU-Haushalt fließen, bleiben die Aufschläge bei einer Mindestpreisregelung als zusätzliche Marge direkt beim Hersteller hängen.
Branchenexperten wie Daniel Gros von der Bocconi-Universität warnen daher, dass diese Regelung die Bilanz der chinesischen Konzerne paradoxerweise sogar stärken könnte. Mit den garantierten höheren Preisen in Europa könnten Hersteller wie BYD oder Geely ihre Expansion und den Aufbau eigener Werke in der EU (z. B. in Ungarn oder Spanien) noch schneller finanzieren.
„Es ist ein diplomatisches Argument, angesichts der Spannungen mit den USA die Fronten mit China zu klären. Doch wirtschaftlich stärken wir damit unter Umständen genau die Akteure, die wir eigentlich einbremsen wollten.“ – Daniel Gros, Institut für europäische Politikgestaltung
Vergleich: Strafzoll vs. Preisverpflichtung
In der folgenden Tabelle wird deutlich, wie sich die beiden Instrumente auf den Markt auswirken:
| Merkmal | Strafzoll (Status Quo) | Mindestpreis (Neu 2026) |
|---|---|---|
| Geldempfänger | EU-Kommission (Zolleinnahmen) | Automobilhersteller (Extra-Marge) |
| Preis für Endkunden | Hoch (Zoll wird aufgeschlagen) | Hoch (Preisuntergrenze fixiert) |
| Anreiz zur Innovation | Hoch (Kostendruck) | Gering (künstliche Preissicherung) |
| Erster Testfall | Alle China-Importe | Cupra Tavascan (VW-Konzern) |
Der Fall Cupra Tavascan: VW als Vorreiter
Der Volkswagen-Konzern ist derzeit der einzige Hersteller, der offiziell einen Antrag auf eine individuelle Preisverpflichtung für den Cupra Tavascan gestellt hat. Das SUV-Coupé wird im chinesischen Anhui produziert und unterliegt aktuell einem Zollsatz von 20,7 %.
Sollte die EU dem Antrag stattgeben, müsste VW den Tavascan in Europa zu einem fest definierten Mindestpreis anbieten, der sich an vergleichbaren europäischen Modellen orientiert. Damit will die EU verhindern, dass der Tavascan den Markt über den Preis „aufrollt“. Gleichzeitig entfällt für VW das Risiko, dass die Zolleinnahmen einfach im EU-Säckel verschwinden – die Marge bleibt im Konzern.
Risiko „Querkompensation“: Brüssel schaut genau hin
Die EU-Kommission hat bereits klargestellt, dass sie die Einhaltung der Mindestpreise streng überwachen wird. Ein großes Sorgenkind ist die sogenannte Querkompensation. Dabei könnten Hersteller den Mindestpreis für ein E-Auto zwar offiziell einhalten, dem Kunden aber im Gegenzug massive Rabatte auf andere Modelle (z. B. Verbrenner oder Hybride) gewähren oder extrem günstige Leasingraten über interne Banken quersubventionieren.
Experten-Urteil: Nur ein kurzes Verschnaufen
Wulf-Peter Schmidt von der CBS University sieht in den Preisuntergrenzen lediglich eine kurzfristige politische Lösung. Langfristig mindern sie den Druck auf die europäische Industrie, radikal schneller zu innovieren. Da die Zölle zudem nicht für Plug-in-Hybride (PHEVs) gelten, weichen viele chinesische Marken bereits auf diese Technologie aus, um die Regulierung zu umgehen.
Fazit: Stabilität auf hohem Preisniveau
Für den Endverbraucher in Europa bedeutet der Wechsel von Zöllen zu Mindestpreisen vor allem eines: E-Autos bleiben teuer. Die Hoffnung auf eine Welle von günstigen „Dumping-Stromern“ aus China ist mit diesem Deal vom Tisch. Für die Hersteller bedeutet es Planungssicherheit, doch der wahre Wettbewerb findet künftig nicht mehr über den Preis, sondern über Software, Lade-Infrastruktur und lokale Produktion „Made in Europe“ statt.




