EuroNCAP 2026: Sicherheits-Revolution oder Innovations-Bremse?

Constantin Hoffmann

Constantin Hoffmann

EuroNCAP 2026: Sicherheits-Revolution oder Innovations-Bremse?

Das Jahr 2026 markiert eine Zäsur in der Automobilgeschichte: EuroNCAP, die Instanz für Fahrzeugsicherheit, krempelt ihre Testprotokolle so radikal um wie seit 2009 nicht mehr. Doch während viele die Rückkehr zu physischen Tasten als Sicherheits-Sieg feiern, wächst in der Tech-Community die Skepsis: Bremst Brüssel hier den digitalen Fortschritt aus?

Die Zeit der puristischen, software-zentrierten Cockpits bekommt Risse. EuroNCAP verschärft ab 2026 die Kriterien für die begehrte 5-Sterne-Bewertung. Wer die Bestnote will, muss künftig für Kernfunktionen wieder "echte" Knöpfe verbauen. Ein Schritt, der zwar die Ablenkung minimieren soll, aber das moderne Interieur-Design um Jahre zurückwerfen könnte.

Das Comeback der Knöpfe: Ein Sieg für die Haptik?

Hersteller wie Tesla haben es vorgemacht: Ein zentraler Bildschirm für alles. Das ist elegant, spart Kosten und ermöglicht Over-the-Air-Updates für fast jede Funktion. EuroNCAP zieht nun jedoch eine harte Linie. Ab 2026 gibt es Punktabzug, wenn folgende fünf Funktionen nicht über physische Bedienelemente (Tasten, Hebel oder Regler) erreichbar sind:

  • Blinker
  • Scheibenwischer
  • Warnblinkanlage
  • Hupe
  • Notruf-Taste (eCall)

Die Begründung der Prüfer: "Eyes off Road". Wer den Scheibenwischer erst im dritten Untermenü findet, ist ein Sicherheitsrisiko. Doch kritische Stimmen – auch bei uns – fragen: Ist das wirklich zu Ende gedacht? Eine intelligente Automatik und eine reaktionsschnelle Sprachsteuerung machen manuelle Tasten in vielen Situationen eigentlich schon heute obsolet.

Der "Senioren-Crash": Mehr Schutz bei niedrigem Tempo

Ein völlig neuer Frontalaufpralltest mit 35 km/h ergänzt die Prozedur. Das klingt zunächst langsam, ist aber technisch tückisch: Viele Autos sind so steif für Hochgeschwindigkeits-Crashs konstruiert, dass sie bei niedrigem Tempo kaum Energie absorbieren. Die Wucht trifft die Insassen fast ungefiltert.

Die Antwort der Industrie sind adaptive Rückhaltesysteme, die Gurtstraffer und Airbags je nach Gewicht und Sitzposition der Insassen anpassen. Das bedeutet aber auch: Mehr komplexe Mechanik, mehr Gewicht und am Ende höhere Preise für den Endkunden.

Die neuen EuroNCAP-Säulen 2026 im Check

Kategorie Anforderung Unsere Einschätzung
Sicheres Fahren Physische Tasten für Kernfunktionen. Kritisch: Design-Rückschritt für Software-First-Autos.
Unfallvermeidung AEB-Systeme müssen auch bei Starkregen funktionieren. Positiv: Erhöht die Robustheit von Assistenzsystemen massiv.
Unfallschutz Adaptive Gurte & Schutz für diverse Körpergrößen. Sinnvoll: Endlich mehr Schutz für kleine und alte Menschen.
Rettung Elektrische Türen müssen unter Wasser öffnen. Notwendig: Ein Muss für Fahrzeuge mit versenkten Griffen.

E-Auto-Sicherheit: Rettung aus dem Wasser

Besonderes Augenmerk liegt 2026 auf dem Schutz nach dem Crash. Elektroautos müssen beweisen, dass sich Fenster und Türen auch dann noch elektrisch öffnen lassen, wenn das Fahrzeug in ein Gewässer stürzt. Was logisch klingt, ist für viele moderne "Smart-Cars" eine echte Herausforderung für die Bordnetz-Architektur.

"Wir riskieren, dass Autos wieder komplizierter werden, nur um eine Checkliste zu erfüllen. Echte Innovation findet in der Software statt, nicht in der Rückkehr zum Kippschalter von 1995." – Ein kritischer Blick auf die Regulierungs-Wut.

Fazit von Elektroquatsch: EuroNCAP meint es gut, droht aber, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Während die Tasten-Pflicht für Warnblinker und Hupe absolut sinnvoll ist, wirkt die Forderung nach physischen Blinkern oder Wischern in Zeiten von Level-3-Autonomie fast schon anachronistisch. Wir lieben clevere Touch-Lösungen und hoffen, dass die Hersteller Wege finden, die 5 Sterne zu holen, ohne das Cockpit wieder mit Plastikknöpfen zu überfluten.

Artikel teilen

Bleib auf dem Laufenden

Erhalte die neuesten Artikel direkt in dein Postfach. Kein Spam, nur ElektroQuatsch.

Kommentare

Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Ähnliche Artikel

VDA-Warnung 2026: Massive Standortkrise bedroht Jobs in Deutschland
Politik & Wirtschaft

VDA-Warnung 2026: Massive Standortkrise bedroht Jobs in Deutschland

VDA-Präsidentin Hildegard Müller schlägt Alarm: Deutschland und Europa stecken in einer „massiven Standortkrise“. Während die USA und China mit marktbasierten Anreizen boomen, ersticken deutsche Unternehmen an Bürokratie und hohen Energiekosten. Das Ergebnis ist schmerzhaft: Jedes zweite Unternehmen baut aktuell Stellen in Deutschland ab – oft, um sie gleichzeitig im Ausland neu zu schaffen. Müller fordert ein radikales Umsteuern in Berlin und Brüssel, um den schleichenden Verlust von Wohlstand und Arbeitsplätzen zu stoppen.

Tesla Semi: Kalifornien reserviert 165 Mio. $ an Fördergeldern
TeslaPolitik & Wirtschaft

Tesla Semi: Kalifornien reserviert 165 Mio. $ an Fördergeldern

Kalifornien geht im Kampf gegen Diesel-Abgase „All-in“: Über das staatliche Förderprogramm HVIP wurden stolze 165 Millionen US-Dollar allein für den Tesla Semi reserviert. Während Konkurrenten wie Volvo oder Daimler bereits liefern können, bunkert der US-Bundesstaat fast 1.000 Gutscheine für Teslas E-Laster, dessen Massenproduktion erst jetzt im Jahr 2026 richtig anläuft. Dank massiver Subventionen könnten Flottenbetreiber den Semi unter idealen Bedingungen sogar fast geschenkt bekommen – ein Vorgehen, das die Konkurrenz vor Wut schäumen lässt.

E-Auto-Ladenetz: Kanada investiert 84 Mio. $ in 8.000 Ladepunkte
Politik & Wirtschaft

E-Auto-Ladenetz: Kanada investiert 84 Mio. $ in 8.000 Ladepunkte

Die kanadische Regierung unter Premierminister Mark Carney drückt beim Ladenetz aufs Gas: Über 84 Millionen Dollar fließen in 8.000 neue Ladepunkte im ganzen Land. Während der Fokus auf der Flächendeckung (Level 2) liegt, sorgt die neue „Automotive Strategy“ mit insgesamt 1,5 Milliarden Dollar für Rückenwind bei E-Auto-Käufern und der heimischen Industrie. Wir zeigen dir, warum Kanada trotz abgeschaffter Verkaufsquoten voll auf Strom setzt.