Das Auto war für Deutschland über 70 Jahre lang weit mehr als ein Transportmittel – es war der Schlüssel zur Freiheit, ein wirtschaftlicher Motor und ein kulturelles Heiligtum. Doch im Jahr 2026 steht fest: Diese Ära neigt sich dem Ende zu. Mobilitätsforscher Andreas Knie sieht in der aktuellen Krise der Automobilindustrie nicht nur ein konjunkturelles Tief, sondern eine tiefgreifende kulturelle Kränkung. Das Auto wird vom "Heiligtum" zum reinen Werkzeug herabgestuft.
Vom Nationalstolz zur Arroganz-Falle
Andreas Knie, der seit über 35 Jahren die Mobilität in Deutschland analysiert, zeichnet ein kritisches Bild der Geschichte. Während die Motorisierung in den 1950ern als nachholende Entwicklung begann, wuchs sie zu einer Dominanz heran, die den deutschen Nationalstolz prägte. Doch genau diese Überlegenheit wurde zur Falle: "Die deutschen Unternehmen haben die Elektromobilität aus Arroganz verschlafen, weil sie dachten, es würde immer so weitergehen", so Knie. Während China bereits 2006 die Weichen stellte, ruhte man sich in Deutschland auf hohen Margen bei Verbrenner-Exporten aus.
Die nackten Zahlen: Das Auto auf Platz 4 in den Metropolen
Der Bedeutungsverlust ist längst statistisch messbar. Laut der aktuellen Studie „Mobilität in Deutschland“ (MiD) ist der Anteil der Pkw-Wege im Jahr 2025 auf 53 % gesunken (2024 waren es noch 57 %). In Metropolen wie Berlin ist der Pkw sogar auf den vierten Platz der wichtigsten Verkehrsformen abgerutscht – hinter das Zufußgehen, das Fahrrad und den ÖPNV.
Besonders bemerkenswert: Über ein Viertel aller Wege in Deutschland (26 %) wird mittlerweile zu Fuß zurückgelegt – der höchste Wert seit 2008. Das Auto wird zunehmend nur noch dort genutzt, wo es keine Alternativen gibt.
Mobilitätsverhalten im Vergleich (Anteil an Wegen)
| Verkehrsmittel | Anteil 2017 | Anteil 2024 | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|
| Pkw (Fahrer & Mitfahrer) | 57 % | 57 % | 53 % |
| Fußverkehr | 22 % | 24 % | 26 % |
| Fahrrad (inkl. Pedelecs) | 11 % | 13 % | 14 % |
| ÖPNV | 10 % | 6 %* | 7 %** |
*Post-Corona-Effekt / **Steigerung durch Deutschlandticket
Der kulturelle Bruch: Status war gestern
Für die junge Generation hat das Auto sein Prestige verloren. Zwar nutzen junge Menschen weiterhin Fahrzeuge (oft via Carsharing oder Abo), doch die emotionale Bindung fehlt. "Besitz war gestern – heute zählt der Zugriff", lautet das Credo. Laut Knie ist es für viele Deutsche kaum noch relevant, welche Marke sie fahren. Das Auto ist vom Symbol der Freiheit zum "Zwang" geworden, besonders im ländlichen Raum, wo Infrastrukturen wie Bäcker oder Kneipen verschwunden sind.
"Elektroautos sind zwar die wirtschaftlich schlauere Lösung, ändern aber nichts am kulturellen Bedeutungsverlust. Am Ende sind es Fahrzeuge, die die meiste Zeit im öffentlichen Raum herumstehen." – Andreas Knie.
Politische Folgen: Das Tempolimit wird greifbar
Interessanterweise könnte der schwindende kulturelle Status des Autos den Weg für politische Maßnahmen ebnen, die jahrzehntelang als unmöglich galten. Knie prognostiziert, dass ein generelles Tempolimit leichter umsetzbar wird, sobald das Auto nicht mehr als heiliges Freiheitssymbol wahrgenommen wird. Bisher werde dies vor allem von „älteren Männern“ in Schlüsselpositionen blockiert, deren Weltbild noch an der PS-Zahl hänge.
Fazit: Das Auto wird Teil der Landschaft, nicht mehr ihr Beherrscher
Der Wandel der Mobilität wird durch Klimaveränderungen, Demografie und Digitalisierung unaufhaltsam vorangetrieben. Die deutsche Autoindustrie muss sich damit abfinden, dass ihre Produkte künftig nur noch ein Teil einer vielfältigen Mobilitätslandschaft sein werden. Der Weg zur "Demut", wie Knie es nennt, hat gerade erst begonnen. Für uns bei Elektroquatsch bedeutet das: Wir feiern die Technik des E-Autos, wissen aber, dass es nur ein Baustein von vielen ist.




