Das lange Warten der Investoren hat ein Ende: Nio hat im vierten Quartal 2025 offiziell die operative Ertragswende geschafft. Nach Jahren massiver Investitionen und Verluste meldet der Konzern für den Zeitraum Oktober bis Dezember erstmals schwarze Zahlen. Doch der Jubel wird durch einen bizarren Kontrast getrübt: Während Nio weltweit Rekorde bricht, scheint die Marke auf dem deutschen Markt fast vollständig zum Stillstand gekommen zu sein.
Die Zahlen des Durchbruchs: Nio schreibt Geschichte
Am 5. Februar 2026 veröffentlichte Nio einen „Profit Alert“, der an der Börse für Kursgewinne von über 8 % sorgte. Dank eines massiven Auslieferungsrekords von knapp 125.000 Fahrzeugen im vierten Quartal konnte Nio einen bereinigten operativen Gewinn (Non-GAAP) zwischen 700 Millionen und 1,2 Milliarden Yuan (ca. 85 bis 145 Millionen Euro) erzielen. Zum Vergleich: Im Vorjahresquartal 2024 klaffte noch ein Loch von rund 665 Millionen Euro in der Kasse.
Auch nach den strengeren GAAP-Rechnungslegungsstandards steht erstmals ein operativer Gewinn von bis zu 84 Millionen Euro in den Büchern. Nio führt diesen Erfolg auf drei Säulen zurück: ein explosives Absatzwachstum (+72 % im Quartalsvergleich), einen margenstarken Produktmix (ET5, ES6 und die neue Marke Onvo) sowie strikte Kostensenkungen.
Globale Dominanz vs. deutsches Debakel
Die Schere zwischen weltweitem Erfolg und lokaler Relevanz könnte kaum weiter auseinanderklaffen. Während Nio im Januar 2026 weltweit über 27.000 Autos auslieferte (+96 % zum Vorjahr), meldete das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) für Deutschland eine erschütternde Zahl: Lediglich ein einziges Nio-Fahrzeug wurde im gesamten Januar 2026 neu zugelassen.
Experten rätseln über die Gründe für den deutschen Kälteschock. Trotz des Starts der preiswerteren Zweitmarke Firefly (ab ca. 29.900 €) und der Einführung des Tesla-Model-Y-Konkurrenten Onvo L60 scheint das Vertrauen der hiesigen Käufer in das innovative Wechselakku-Konzept zu stagnieren.
Nio Performance-Check: Q4 2025 & Gesamtjahr
| Kennzahl | Q4 2025 (Ist/Prognose) | Gesamtjahr 2025 |
|---|---|---|
| Auslieferungen (global) | 124.807 (+72 % YoY) | 326.028 (+47 % YoY) |
| Operatives Ergebnis (bereinigt) | +85 bis +145 Mio. € | Erhebliche Verbesserung |
| Neuzulassungen Deutschland | Stagnierend | 325 Einheiten (-18 % YoY) |
| Akku-Wechsel-Meilenstein | 90 Mio. erreicht | 100 Mio. am 06.02.2026 |
100 Millionen Swaps: Das Power-Netzwerk skaliert
Abseits der Bilanzen feiert Nio-Gründer William Li ein technologisches Jubiläum. Am 6. Februar 2026 wurde weltweit der 100-millionste Akku-Wechsel durchgeführt. Das System hat sich vor allem in China als echte Alternative zum Schnellladen etabliert.
„Wir sind stolz darauf, dass wir am 6. Februar 2026 den 100.000.000sten Akku-Wechsel erreicht haben! Ein riesiger Dank an alle, die das möglich gemacht haben. Let's Power Up!“ – William Li, CEO von Nio (via X/Twitter)
Ausblick 2026: Expansion trotz Gegenwind
Für das laufende Jahr 2026 plant Nio den Bau von mindestens 1.000 weiteren Wechselstationen, um die Reichweitenangst endgültig zu begraben. Zudem setzt das Unternehmen auf die Markteinführung der 5. Generation seiner Swap-Stations. In Europa wird der Fokus verstärkt auf den Vertrieb via Händler-Modell (statt reiner Direktvertrieb) gelegt, um die enttäuschenden Zahlen in Märkten wie Deutschland und Schweden zu korrigieren.
Fazit: Nio ist „erwachsen“ geworden
Die Ertragswende zeigt, dass das Geschäftsmodell von Nio skalierbar ist. Die Kombination aus Premium-Segment (Nio), Massenmarkt (Onvo) und Lifestyle-Kleinwagen (Firefly) beginnt Früchte zu tragen. Doch der Weg zum globalen Champion bleibt steinig: Ohne einen Durchbruch in Europa bleibt Nio ein Riese, der auf einem Bein (China) tanzt. Die nächsten Monate werden zeigen, ob der Erfolg in der Bilanz auch das Vertrauen der deutschen Autofahrer zurückgewinnen kann.




