Oliver Zipse zieht Bilanz: „Jammern hilft einfach nicht“
Nach über 35 Jahren bei BMW, vom Trainee bis an die Spitze, bereitet sich Oliver Zipse auf seinen Abschied als CEO vor. In einem seiner letzten großen Interviews als Vorstandsvorsitzender zeigt sich der Manager gewohnt streitbar und optimistisch. Angesichts einer Welt im Dauerkrisenmodus – von der Halbleiterknappheit bis hin zum aktuellen Krieg im Iran – mahnt Zipse zu mehr unternehmerischer Tatkraft statt deutscher Zögerlichkeit. BMW stehe trotz des schwierigen Umfelds stabil da, was er vor allem auf die hohe Reaktionsgeschwindigkeit des Konzerns zurückführt.
Besonders deutlich kritisiert Zipse die aktuelle Stimmungslage in der Bundesrepublik: „Mich ärgert das fehlende Selbstbewusstsein, das in Deutschland leider gerade sehr ausgeprägt ist“, so Zipse gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Er widerspricht vehement der These, dass die europäische Industrie von China überrollt werde. Die Fakten sprächen eine andere Sprache: Chinesische Hersteller hielten in Europa lediglich Marktanteile im einstelligen Bereich, während BMW zuletzt sowohl in Europa als auch in den USA deutlich wachsen konnte.
Kritik am Verbrenner-Verbot und China-Abhängigkeit
Zipse nutzt seinen Abschied auch für eine deutliche Warnung an die Politik. Das geplante Verbot von Verbrennungsmotoren ab 2035 in der EU hält er für strategisch riskant. Es sei paradox, eine Technologie aufzugeben, in der Europa weltweit führend und unabhängig sei, um sich gleichzeitig in die totale Abhängigkeit von asiatischen Batteriezellenherstellern zu begeben.
| Thema | Zipses Standpunkt |
|---|---|
| China-Konkurrenz | Wettbewerbsfähig; Marktanteile der Chinesen in EU gering |
| Verbrenner-Aus 2035 | Fehler; erhöht Abhängigkeit von asiatischen Zell-Lieferanten |
| Batterie-Produktion | Skalierung in Europa ohne asiatisches Know-how „ausgeschlossen“ |
| Technologie-Mix | „Power of Choice“ (Elektro, Hybrid, Verbrenner, Wasserstoff) |
| Standort Deutschland | Führend bei Ingenieurskunst und Integration komplexer Tech |
Den gescheiterten Versuch des schwedischen Herstellers Northvolt führt er als Beleg dafür an, dass der Aufbau einer eigenständigen europäischen Zellfertigung in Massenqualität ohne asiatische Partner derzeit unrealistisch sei. BMW fahre daher gut damit, die Forschung selbst zu betreiben, die Produktion aber an erfahrene Partner auszulagern.
Die „Neue Klasse“ als deutsches Meisterstück
Das wichtigste Erbe, das Zipse seinem Nachfolger hinterlässt, ist die „Neue Klasse“. Den kommenden elektrischen i3 bezeichnet er als globales Produkt, das auf drei Kontinenten gefertigt werde, aber seine Seele in Deutschland habe. Ein solches Auto könne „nur in Deutschland kreiert werden“, da nur hier die Fähigkeit bestehe, modernste globale Komponenten – etwa aus China und den USA – mit einzigartiger Ingenieurskunst zu einem begeisternden Ganzen zu verschmelzen.
„Wenn Sie Unternehmer sein wollen, dann müssen Sie die Gegebenheiten annehmen und das Beste daraus machen. Jammern hilft da einfach nicht. Ich würde mir mehr Mut und Tatkraft wünschen.“ – Oliver Zipse, scheidender BMW-Chef.
Mit dem Erfolg des iX3, dessen Nachfrage selbst Zipses Erwartungen übertraf, sieht er das Fundament für die rein elektrische Zukunft von BMW gelegt. Dennoch bleibt er seinem Credo der technologischen Offenheit treu: Unabhängigkeit sei in einer vernetzten Welt eine Illusion; Resilienz entstehe durch Vielfalt und Schnelligkeit.



