Warum mich das Ende des Model X wirklich trifft
Ich bin das Model X jetzt zum ersten Mal wirklich ausführlich gefahren und habe mich gefragt, ob das Ende dieses Autos gerechtfertigt ist. Nach dieser Woche fällt mir die Antwort nicht schwer: Es ist nachvollziehbar, aber trotzdem sehr schade. Denn trotz seines Alters ist das Model X Plaid in vielen Bereichen noch immer außergewöhnlich.
Schon von außen ist klar, warum dieses Auto so vielen im Gedächtnis bleiben wird. Das Markenzeichen sind natürlich die hinteren Falcon Wing Türen. Gerade in engen Parklücken sind sie nicht nur ein Hingucker, sondern tatsächlich praktisch. Ich stand mehrfach so, dass man bei einem normalen SUV schon genervt gewesen wäre, und trotzdem gingen die Türen auf. Genau diese Art von Technik macht das Model X bis heute besonders.
Die Türen sind mehr als nur ein Gimmick
Fast noch beeindruckender finde ich aber die vorderen Türen. Ich gehe zum Auto, die Tür öffnet sich automatisch, ich steige ein, tippe auf die Bremse und die Tür schließt wieder. Beim Aussteigen öffne ich sie über den Button, gehe weg und das Auto macht die Tür selbstständig zu und verriegelt. Man fasst die Tür in vielen Situationen überhaupt nicht mehr an. Das klingt zunächst nach Spielerei, fühlt sich im Alltag aber erstaunlich luxuriös an.
Gerade wenn man bedenkt, wie alt die Grundidee dieses Fahrzeugs ist, wirkt das umso beeindruckender. Das Model X wurde bereits 2012 vorgestellt, die ersten Auslieferungen begannen 2015. Seitdem wurde das Fahrzeug immer wieder aktualisiert, oft parallel zum Model S, weil sich beide Modelle viele Komponenten teilen. Vor kurzem gab es noch einmal ein Update mit schwarzem Tesla Logo, neuer Frontkamera, Hardware 4 und frischen Felgen. Und trotzdem kam kurz darauf die Nachricht, dass Model S und Model X eingestellt werden.
Der Hintergrund ist offensichtlich: Tesla will die Kapazitäten in Fremont anders nutzen und stärker in andere Zukunftsprojekte investieren. Aus Unternehmenssicht mag das logisch sein. Aus Sicht eines Fans dieser Plattform ist es bitter, weil man hier ein Auto aufgibt, das bis heute Charakter hat und sich von fast allem abhebt, was aktuell auf dem Markt unterwegs ist.
Innenraum mit besonderen Ideen und kleinen Schwächen
Im Innenraum zeigt sich sofort, warum das Model X so einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Die zweite Sitzreihe mit den Einzelsitzen und dem freien Durchgang in der Mitte wirkt offen und besonders. Dazu kommt die dritte Reihe, die für kleinere Personen noch brauchbar ist, für Erwachsene auf Dauer aber eng wird. Praktisch sind die vielen Komfortdetails wie USB C Anschlüsse, Sitzheizung bis in die hinteren Reihen und das Display für die Passagiere im Fond, auf dem sich sogar Videos und Spiele nutzen lassen.
Der größte Wow Moment ist für mich aber die Frontscheibe. Diese riesige Glasfläche zieht sich weit über den Kopf hinweg und sorgt für ein Fahrgefühl, das ich so in kaum einem anderen Auto erlebt habe. Man sieht enorm viel nach vorne und nach oben, der Innenraum wirkt hell und offen und selbst nach mehreren Fahrten bleibt dieses Gefühl besonders. Genau diese Scheibe ist für mich eine der großen Besonderheiten des Model X.
Natürlich bringt so ein Konzept auch Fragen mit sich. Ich habe mich während der Fahrt ernsthaft gefragt, was passiert, wenn so eine riesige Scheibe ersetzt werden muss und wie viele davon Tesla langfristig noch auf Lager legen wird. Gerade wenn ein Modell eingestellt wird, denkt man plötzlich auch an solche Punkte, die man im Alltag normalerweise gar nicht so sehr beachtet.
Kofferraum, Alltag und praktische Details
Auch beim Kofferraum zeigt sich, dass das Model X nicht in jedem Bereich perfekt ist. Mit aufgestellter dritter Sitzreihe bleibt hinten nicht viel Platz übrig. Das ist deutlich weniger, als man bei einem so großen Auto vielleicht erwarten würde. Klappt man die Sitze um, wird es natürlich viel besser. Dazu kommen noch zusätzlicher Stauraum unter dem Ladeboden und ein großer Frunk vorne. Praktisch ist das insgesamt schon, aber die Raumaufteilung ist nicht in jeder Konfiguration ideal. Durch die Einzelsitze in Reihe zwei entsteht in der Mitte eine freie Bahn, sodass lose Gegenstände beim starken Bremsen nach vorne rutschen könnten.
Technisch interessant fand ich außerdem ein Detail, das man heute bei Tesla kaum noch erwartet. Obwohl Tesla bei neueren Fahrzeugen längst auf Ultraschallsensoren verzichtet, scheint das Model X für die Türmechanik weiterhin noch auf solche Sensorik zu setzen. Das ist auch logisch, denn die Falcon Wing Türen müssen erkennen, wie viel Platz über dem Fahrzeug vorhanden ist. Gerade daran sieht man, wie speziell dieses Auto konstruiert wurde.
1.020 PS und trotzdem kein reines Showcar
Auf der Straße macht das Model X Plaid dann klar, dass es nicht nur um Türen und Glasflächen geht. 1.020 PS sind auch heute noch eine Ansage. Der Sprint auf 100 km/h gelingt realistisch in rund 2,6 bis 2,7 Sekunden, und selbst auf der Autobahn hat dieses Auto noch brutal viel Druck. Man merkt zwar, dass das Model S bei hohen Geschwindigkeiten noch etwas günstiger im Wind steht und deshalb noch etwas schärfer wirkt, aber für ein großes SUV ist die Beschleunigung des Model X absolut absurd.
Genau das macht den Reiz aus: hoch sitzen, viel Überblick haben und trotzdem eine Beschleunigung erleben, die man in dieser Form kaum mit einem Familien SUV verbindet. Das Fahrwerk ist dabei eher auf entspanntes Fahren ausgelegt. Es ist komfortabel, könnte bei manchen Schlaglöchern aber noch etwas feiner arbeiten. Gerade auf schlechten Straßen merkt man, dass hier nicht alles auf maximale Perfektion getrimmt wurde. Trotzdem bleibt das Gesamtpaket beeindruckend.
Sehr positiv fällt im Alltag auch das Tesla typische Bedienkonzept auf. Die Blind Spot Kamera beim Blinken ist für mich längst ein Feature geworden, auf das ich nur noch ungern verzichten würde. Das Infotainment funktioniert schnell, logisch und zuverlässig. Viele Dinge, die andere Hersteller kompliziert lösen, funktionieren hier einfach.
Laden ist besser als sein Ruf
Beim Laden zeigt sich, dass das Model X zwar nicht mehr die modernste Architektur hat, aber noch lange nicht abgeschrieben werden sollte. Das Fahrzeug basiert weiterhin auf 400 Volt Technik. Trotzdem lädt es am Supercharger mit bis zu 250 kW, wenn die Bedingungen passen. In meinem Test bin ich mit 3 Prozent Restakku an den Lader gefahren. Nach rund 20 Minuten hatte ich etwa 320 Kilometer reale Reichweite nachgeladen. Nach 22 Minuten ging es von 3 auf 70 Prozent.
Das sind keine absoluten Spitzenwerte im Jahr 2026, aber es sind weiterhin starke Werte für ein großes Performance SUV mit rund 100 kWh Batterie. Vor allem muss man berücksichtigen, dass die Bedingungen nicht perfekt waren. Es war kalt, das Auto hatte nur kurz vorkonditioniert und stand über Nacht draußen. Dafür ist das Ergebnis mehr als ordentlich.
- Akku: rund 100 kWh, davon etwa 95 kWh nutzbar
- Verbrauch auf meiner Fahrt: 18,4 kWh pro 100 km
- Gefahrene Strecke mit voller Ladung bis 3 Prozent: etwa 422 km
- Nachgeladene reale Reichweite in 20 Minuten: etwa 320 km
- Ladestand nach 22 Minuten: von 3 auf 70 Prozent
Gerade beim Thema Laden wird oft sehr schnell gesagt, das sei alles veraltete Technik. Ja, modernere Konkurrenz kann hier inzwischen mehr bieten, gerade mit 800 Volt Systemen, schnellerem Nachladen und teils besserer Effizienz. Aber die Realität ist eben auch: Das Model X lädt immer noch gut genug, um auf Langstrecke absolut problemlos unterwegs zu sein. Die Kritik ist also nicht völlig falsch, sie wird nur oft übertrieben dargestellt.
Preis, Konkurrenz und die eigentliche Frage
Wenn man den Preis betrachtet, wird die Diskussion noch spannender. Zuletzt lag das Model X Plaid bei etwa 130.000 Euro. Das ist natürlich viel Geld, aber im Vergleich zu anderen leistungsstarken Elektro SUVs wirkt es nicht absurd. Ein vergleichbarer Porsche Cayenne EV dürfte deutlich teurer werden und in der Praxis schnell in Regionen vorstoßen, in denen 150.000 bis 200.000 Euro realistisch sind. Dagegen stand das Model X zuletzt preislich fast schon überraschend konkurrenzfähig da.
Auch qualitativ hat mich das Auto besser überzeugt, als viele vielleicht erwarten würden. Die Spaltmaße waren bei meinem Eindruck gut, der Innenraum wirkte ordentlich verarbeitet und insgesamt nicht billig. Gleichzeitig muss man fair bleiben: Ich kenne auch Berichte von Fahrern, bei denen gerade die Türen Probleme gemacht haben und Werkstattbesuche keine Seltenheit waren. Genau dort dürfte ein Teil des Problems liegen. Das Auto war technisch ambitioniert, aber eben auch komplex, und Tesla hatte offenbar irgendwann nicht mehr die Bereitschaft, diese Plattform noch einmal grundlegend weiterzuentwickeln.
Das ist wahrscheinlich der entscheidende Punkt. Es fehlt dem Model X nicht an Relevanz, sondern an langfristiger Pflege. Mehr Liebe bei Fahrwerk, Effizienz, Ladesystem, Hinterachslenkung und vielleicht einer gründlichen Überarbeitung der Türmechanik hätten diesem Auto locker noch einige Jahre gegeben. Stattdessen floss der Fokus bei Tesla in Model 3, Model Y und neue Zukunftsprojekte.
Mein Fazit zum Abschied
Für mich bleibt deshalb ein sehr ambivalentes Fazit. Rational kann ich verstehen, warum Tesla diesen Schritt geht. Emotional halte ich das Ende des Model X für einen Verlust. Es ist eines dieser Autos, die nicht perfekt sind, aber einen ganz eigenen Charakter haben. Es fährt schnell, es ist praktisch genug, es bietet eine spektakuläre Rundumsicht und es hat mit seinen Türen und seinem gesamten Auftritt einen Wiedererkennungswert, den kaum ein anderes Auto erreicht.
Wenn ich mein eigenes Auto eins zu eins gegen dieses Model X tauschen könnte, würde ich das tun. Und genau das sagt eigentlich schon alles darüber aus, wie sehr mich dieses Fahrzeug überzeugt hat. Es ist nicht einfach nur ein altes Tesla Modell, das jetzt ausläuft. Es ist für mich eines der ungewöhnlichsten und interessantesten Elektroautos der vergangenen Jahre.
Dass Tesla dieses Kapitel jetzt schließt, ist aus Sicht des Unternehmens vielleicht konsequent. Für alle, die diese Plattform mögen, ist es aber vor allem eines: sehr traurig.


