Digitale Pracht mit analogem Anker: Die neue Mercedes-Strategie
In den letzten Jahren dominierte bei Mercedes-Benz das Credo: Je größer das Display, desto besser. Mit dem bis zu 1,41 Meter breiten MBUX Hyperscreen setzten die Stuttgarter Maßstäbe in der digitalen Ästhetik. Doch im Mai 2026 vollzieht die Marke eine bemerkenswerte Kurskorrektur. Während Vertriebschef Mathias Geisen gegenüber Autocar bekräftigte, dass große Bildschirme ein unverzichtbarer Teil des Premium-Erlebnisses bleiben, kehren für sicherheitsrelevante und häufig genutzte Funktionen die physischen Tasten zurück.
Hintergrund ist das deutliche Feedback der Kunden: „Leute, nette Idee, aber es funktioniert für uns einfach nicht“, zitiert Geisen die Rückmeldungen zu den teils umständlichen Touch-Flächen. Mercedes reagiert nun und „mischt“ künftig beide Welten. Der Hyperscreen dient als Bühne für Software-Personalisierung – etwa für Familienfotos oder hochauflösende Hintergründe –, während die Steuerung für Lautstärke, Temperatur oder den Abstandsregeltempomaten wieder über haptisch erfahrbare Elemente erfolgt.
Die Rückkehr der "Walze": Das neue Lenkrad-Konzept
Ein zentraler Kritikpunkt der letzten Modellgenerationen waren die kapazitiven Touch-Slider am Lenkrad. Diese führten oft zu Fehlbedienungen und frustrierten die Fahrer. Ab dem Modelljahr 2026 führt Mercedes deshalb sukzessive eine neue Lenkradgeneration ein. Anstelle der glatten Oberflächen kehren physische „Roller“ (Walzen) und Wippschalter zurück, die eine präzise Steuerung ohne Blickabwendung von der Straße ermöglichen.
| Bedienelement | Alt (Touch/Haptisch) | Neu ab 2026 (Physisch) |
|---|---|---|
| Lenkrad-Steuerung | Kapazitive Schieberegler | Physische Scroll-Walzen & Wippen |
| Lautstärke | Touch-Leiste / Menü | Haptische Walze (rechte Speiche) |
| Tempomat (Distronic) | Wischfelder | Aktivierungs-Wippschalter (linke Speiche) |
| Zentraldisplay | Hyperscreen (nahtlos) | Hyperscreen + physische Tastenleiste |
Individuelles Erlebnis statt funktionaler Kälte
Mercedes rechtfertigt die riesigen Displays mit dem Vergleich zum Smartphone. Geisen betont, dass Hardware heute oft austauschbar wirke, die wahre Differenzierung aber über die Software erfolge. Der Hyperscreen in der neuen elektrischen C-Klasse (W520) ermöglicht es, den Innenraum per Fingertipp atmosphärisch komplett zu verändern. Gleichzeitig sorgt die Einbindung von KI-Modellen wie Google Gemini dafür, dass die Sprachsteuerung intuitiver wird und tief vergrabene Menüs seltener manuell gesucht werden müssen.
„Unsere Kunden lieben die großen Bildschirme, aber sie wollen feste Bedienelemente für Funktionen, auf die sie direkt zugreifen müssen. Wir werden diese Welten künftig verschmelzen.“ – Mathias Geisen, Vertriebsvorstand Mercedes-Benz.
Real-World-Impact: Sicherheit durch Haptik
Diese Entscheidung ist nicht nur eine Frage des Komforts, sondern auch der Sicherheit. Organisationen wie Euro NCAP haben bereits angekündigt, für Bestnoten beim Sicherheitsscore künftig wieder physische Bedienelemente für Basisfunktionen wie Blinker, Scheibenwischer und Warnblinker vorauszusetzen. Mercedes greift dieser Entwicklung vor, indem zentrale Tasten vor den kabellosen Ladeschalen und am Lenkrad fest installiert werden. Damit positioniert sich die Marke gegen den Trend zur radikalen Reduzierung, wie ihn etwa Tesla mit dem Model 3 Highland (Wegfall der Lenkstockhebel) verfolgt.
Für den Nutzer bedeutet das: Die „Magie“, wie Geisen es nennt, bleibt auf dem Bildschirm erhalten – die Kontrolle über das Fahrzeug kehrt jedoch buchstäblich in die Hände des Fahrers zurück. Die neue elektrische C-Klasse fungiert hierbei als Pionier für dieses hybride Bedienkonzept, das digitale Pracht mit analoger Zuverlässigkeit vereinen soll.



