Vom Hubraum zum High-End-Chip: Volkswagens digitale Neuerfindung
Früher definierten Zylinder und Einspritzzeiten den Fortschritt bei Volkswagen. Heute, im Jahr 2026, hat sich das Blatt gewendet. Nikolai Ardey, seit 2020 Leiter der Konzernforschung "Group Innovation", macht im Gespräch mit der Automobilwoche deutlich: Die klassische Antriebsentwicklung ist zweitrangig geworden. Das Herz des modernen Autos schlägt in der digitalen Architektur und der Rechenleistung zentraler Computer.
„Heute sind die PS nicht mehr die alles entscheidende Kenngröße“, betont Ardey. Um in der neuen Welt der Mobilität zu bestehen, hat VW ein globales Netzwerk gesponnen. Rund 500 Experten forschen im Silicon Valley, in Tel Aviv, Wolfsburg und im chinesischen Hefei an der Zukunft. Das Ziel: Technologische Trends wie künstliche Intelligenz und autonomes Fahren schneller als bisher in die Serie zu bringen.
Strategische Unabhängigkeit durch eigene Halbleiter
Ein Kernpunkt der Strategie ist die Kontrolle über die Hardware. Volkswagen betrachtet Halbleiter nicht mehr nur als Zukaufteil, sondern als strategisches Geschäftsfeld. In China entwickelt das Gemeinschaftsunternehmen Carizon (Cariad & Horizon Robotics) eigene "System-on-Chip"-Lösungen. Diese bündeln komplexe Steuerungsfunktionen auf einem einzigen Baustein, was die Effizienz steigert und die Fehleranfälligkeit reduziert.
| Partner / Projekt | Fokus der Kooperation | Zielsetzung |
|---|---|---|
| Rivian (Joint Venture) | Software-Architektur | Software-defined Vehicle bis 2027 |
| XPeng | Plattform-Entwicklung | Beschleunigung in China |
| Qualcomm | Hochleistungs-Chips | Automatisierte Fahrsysteme |
| Horizon Robotics | Halbleiter / KI | Eigene Chip-Designs (SoC) |
Tempo-Druck: Von der Grundlagenforschung zum schnellen Rollout
Die Zeit der jahrzehntelangen Grundlagenforschung ist vorbei. Ardey richtet die Group Innovation konsequent auf Geschwindigkeit aus. Ein prominentes Beispiel ist die Integration KI-gestützter Chatbots in die ID-Modelle, die vom ersten Konzept bis zur Serienreife weniger als zwölf Monate benötigte. Damit reagiert VW auf den enormen Druck durch Konkurrenten aus China und den USA, die mit extrem kurzen Iterationszyklen arbeiten.
"Gemessen werden wir an dem, was unsere Kunden im Produkt erleben. Die Komplexität lässt sich nur reduzieren, wenn man die Hardware und Software selbst in der Hand behält." – Nikolai Ardey, Leiter VW Group Innovation.
Die Zukunft: Zonaler Aufbau und End-to-End-KI
Für das Jahr 2027 plant Volkswagen den nächsten großen Sprung: Die Einführung einer zonalen Elektronikarchitektur. Hierbei steuert ein zentraler Hochleistungsrechner alle wichtigen Fahrzeugfunktionen, anstatt dutzende kleine Steuergeräte zu koordinieren. Parallel dazu rückt das automatisierte Fahren via "End-to-End"-Systemen in den Fokus. Dabei verarbeitet eine KI Sensordaten direkt in Fahrentscheidungen, ohne den Umweg über starre, modulare Programmcode-Bausteine.
In China sind diese Systeme bereits in ersten Testphasen zugelassen. Für Volkswagen ist dieser Weg alternativlos, um den Anschluss an die Tech-Giganten nicht zu verlieren. Das Auto wird vom Blechkleid zum "Computer auf Rädern", bei dem die Software über das Fahrerlebnis entscheidet.



