Verlust-Schock trotz Absatzrekord: Polestar gerät im Q1 2026 unter die Räder
Die Schere zwischen sportlichem Markterfolg und nackter finanzieller Realität klafft beim Elektroauto-Hersteller Polestar immer weiter auseinander. Zwar feierte die Performance-Marke im ersten Quartal 2026 mit weltweit 13.126 ausgelieferten Fahrzeugen und einem Plus von 7 Prozent den erfolgreichsten Jahresauftakt ihrer Firmengeschichte. Ein Blick in die frisch vorgelegten Konzernbilanzen offenbart jedoch ein wirtschaftliches Desaster: Die zusätzlichen Verkäufe verpufften vollständig auf dem Weg in die Kasse.
Der Umsatz stagnierte im Dreimonatszeitraum von Januar bis März bei nahezu unveränderten 633 Millionen US-Dollar. Auf der Ertragsseite schlugen die schwierigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen voll durch. Der Nettoverlust von Polestar verdoppelte sich im Vergleich zum Vorjahresquartal von 166 Millionen auf astronomische 383 Millionen US-Dollar. Damit verbrannte das Unternehmen mathematisch gesehen rund 29.179 US-Dollar bei jedem einzelnen an Kunden übergebenen Neufahrzeug.
Bruttomarge rutscht ins Minus: Tarife und Preiskampf fordern Tribut
Besonders alarmierend für Investoren ist der dramatische Absturz der Bruttomarge, die von ehemals positiven 10,3 Prozent auf bittere -3,2 Prozent abrutschte. Als Hauptursache nennt das Management den anhaltenden, ruinösen Preiskampf im globalen Elektrofahrzeugsegment. Hinzu kommen die protektionistischen Strafzölle der Europäischen Union und der USA, die Polestar hart treffen, da ein Großteil der Flotte derzeit noch in chinesischen Werken des Mutterkonzerns Geely produziert wird.
| Finanz- & Operativkennzahl | Q1 2025 (Vorjahreszeitraum) | Q1 2026 (Aktuelles Quartal) | Veränderung in Prozent |
|---|---|---|---|
| Ausgelieferte Fahrzeuge (Retail) | 12.263 Einheiten | 13.126 Einheiten | +7,0 % |
| Umsatz (Gesamt) | 632 Mio. US-Dollar | 633 Mio. US-Dollar | +0,2 % |
| Bruttomarge (Gross Margin) | +10,3 % | -3,2 % | -13,5 %-Punkte |
| Nettoverlust (Net Loss) | -166 Mio. US-Dollar | -383 Mio. US-Dollar | +130,7 % |
| Einnahmen aus CO2-Zertifikaten | 29 Mio. US-Dollar | 21 Mio. US-Dollar | -27,6 % |
| Globale Verkaufsstützpunkte (Spaces) | 159 Standorte | 230 Standorte | +44,7 % |
Der Produktmix-Fluch: Der Polestar 4 rettet das Volumen, drückt aber den Umsatz
Ein weiteres Problem resultiert aus der aktuellen Verschiebung innerhalb der Modellpalette. Der Neuzugang Polestar 4 mauserte sich im ersten Quartal mit einem Anteil von satten 67 Prozent im Absatzmix zum absoluten Volumentreiber des Herstellers. Da das schnittige SUV-Crossover ohne Heckscheibe jedoch zu deutlich niedrigeren Preisen im Handel steht als das Oberklasse-SUV Polestar 3, sank der durchschnittliche Erlös pro Fahrzeug drastisch. Das Luxus-SUV Polestar 3 machte wegen anhaltender Software-Anlaufschwierigkeiten im Volkswagen-Konzernverbund nur noch magere 9 Prozent des Gesamtvolumens aus.
Zusätzlichen Gegenwind gab es beim Handel mit Emissionsrechten. Konnte Polestar im ersten Quartal des vergangenen Jahres noch 29 Millionen US-Dollar durch den Verkauf von CO2-Zertifikaten an herkömmliche Verbrenner-Hersteller verbuchen, sank dieser Posten im ersten Quartal 2026 auf 21 Millionen US-Dollar. Einzig positive Währungseffekte durch ein Erstarken des britischen Pfunds und des Euros gegenüber dem US-Dollar verhinderten einen noch deutlicheren Umsatzeinbruch im europäischen Kernmarkt.
„Der Markt ist extrem kompetitiv, und die harten Bedingungen haben unsere Einsparungen bei der Kostenbasis temporär aufgefressen. Wir passen unser Geschäftsmodell jetzt radikal an, werden deutlich schlanker und konzentrieren uns voll auf die Fertigungseffizienz.“ – Michael Lohscheller, CEO Polestar.
Sanierungsplan: Lohscheller baut auf Händlernetz und lokale Werke
Der neue Unternehmenschef Michael Lohscheller steuert nun mit einem harten Sparprogramm gegen die drohende Schieflage. Die Budgets in der Verwaltung und im klassischen Vertrieb werden drastisch zusammengestrichen, während die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf konstantem Niveau verharren, um zukünftige Fahrzeugprojekte nicht zu gefährden. Gleichzeitig transformiert Polestar sein Vertriebssystem von reinen digitalen Showrooms hin zu klassischen Händlerkooperationen. Das Netz wurde bereits in den vergangenen zwölf Monaten von 159 auf 230 Standorte aufgebläht – bis Jahresende peilt das Management die Marke von 250 Verkaufsstützpunkten an.
Der strategisch wichtigste Schritt betrifft jedoch die Geographie der Produktion. Um den ruinösen Importzöllen in westlichen Märkten dauerhaft zu entgehen, nutzt Polestar die globalen Fertigungskapazitäten von Geely aus. Noch im Laufe des Jahres starten zusätzliche Produktionslinien für den Polestar 3 in den USA. Die kommenden Highlights im Produktfahrplan sollen die Wende bringen: Im zweiten Halbjahr rollt eine neue, hochpraktische Kombi-Variante des Polestar 4 zu den Kunden. Anfang 2027 folgt die mit Spannung erwartete Neuauflage der Mittelklasselimousine Polestar 2, bevor im Jahr 2028 mit dem Polestar 7 ein vollelektrisches Kompakt-SUV auf den Markt drängt, das komplett in einem europäischen Werk vom Band laufen wird.



