„Zehnmal größer als E-Autos“: Warum Ford-Chef Farley auf Software setzt
Während die Welt über Batteriereichweiten und chinesische Importzölle debattiert, blickt Ford-CEO Jim Farley auf eine ganz andere Front: die Software. In einem aktuellen Interview mit Car and Driver stellte er eine provokante Behauptung auf: Die Transformation zum Software-definierten Fahrzeug (SDV) sei für sein Unternehmen „zehnmal wichtiger“ als der reine Wechsel vom Verbrenner zum Elektromotor. Software ist laut Farley nicht nur ein Feature, sondern das Fundament, auf dem die künftige Existenz der traditionellen Autobauer ruht.
Das Tesla-Erbe: Radikale Vereinfachung durch Software
Farley räumte unumwunden ein, dass Ford viel von Tesla lernen musste. Bei der Analyse eines Tesla-Modells seien die Ingenieure fassungslos gewesen: Der Kabelbaum eines Ford Mustang Mach-E war 70 Pfund schwerer und 1,6 Kilometer länger als der eines vergleichbaren Tesla. Der Grund? Tesla hat die Kontrolle über das Fahrzeug zentralisiert, während Ford – wie fast alle Traditionshersteller – für jedes Bauteil (Sitze, Wischer, Klima) separate Steuergeräte (ECUs) von verschiedenen Zulieferern einkaufte.
| Merkmal | Traditioneller Ansatz (Legacy) | Software-Defined Vehicle (SDV) |
|---|---|---|
| Steuergeräte (ECUs) | Dutzende isolierte Boxen | Zentrale Rechenknoten |
| Kabelbaum | Komplex, schwer, teuer | Minimalistisch, leicht, effizient |
| Updates | Werkstattbesuch oft nötig | Echte Over-the-Air-Updates (OTA) |
| Entwicklungs-Speed | Langsam (Jahre) | Schnell (Wochen/Monate) |
Das Auto als „Third Space“: Entertainment statt Fahrspaß?
Die Software-Revolution ist laut Farley die Voraussetzung für das, was nach dem E-Auto kommt: autonomes oder teilautonomes Fahren. Wenn der Fahrer auf der Autobahn 45 Minuten Zeit gewinnt, wird das Auto zum „dritten Ort“ – einem Raum für Arbeit, Videokonferenzen oder Videospiele. In China ist dieser Trend bereits Realität; dort entscheiden oft das Infotainment und die Rechenleistung über den Kauf, nicht die PS-Zahl oder das Handling.
- Wettbewerbsvorteil: Wer die beste Software-Plattform besitzt, kontrolliert das Kundenerlebnis und generiert wiederkehrende Umsätze (Services, Abos).
- Effizienz: Eine zentrale Software erlaubt es, kleinere Batterien bei gleicher Reichweite zu nutzen, da das Energiemanagement präziser gesteuert wird.
- Skalierbarkeit: Eine starke Software-Basis lässt sich auf Roboter, Lieferdrohnen oder Flugtaxis übertragen – Felder, die für klassische Autobauer bisher unerreichbar waren.
„Wir hatten Vorurteile. Wir sind zu unseren Zulieferern gegangen und haben gesagt: 'Kauf einen weiteren Kabelbaum.' Tesla hat gesagt: 'Lass uns das Fahrzeug um die kleinste Batterie herum konstruieren.' Ein völlig anderer Ansatz.“ — Jim Farley, CEO Ford Motor Company
Die größte Hürde: Die kulturelle Transformation
Das Problem für Ford und General Motors ist laut Farley nicht der Bau von Batterien, sondern der Umbau zu einem Software-Unternehmen. Während man im Hardware-Geschäft mit einmaligen Verkäufen kalkuliert, erfordert Software eine agile Struktur mit KI-Tools, User-Experience-Forschern und einer permanenten Update-Kultur. Viele Traditionshersteller scheitern aktuell an dieser „Hut-auf-Hut“-Architektur, bei der versucht wird, neue Software auf veraltete, fragmentierte Steuergeräte zu pfropfen.
Fazit: Software entscheidet über das Überleben
Jim Farleys Analyse ist ein Weckruf: Der Antrieb ist künftig eine austauschbare Ware (Commodity), die Software hingegen das Betriebssystem des mobilen Lebens. Wer diesen Wechsel nicht vollzieht, wird zwar weiterhin Autos bauen, aber die Marge und die direkte Kundenbeziehung an Tech-Giganten oder chinesische Innovatoren verlieren. Für Ford ist das SDV keine Option, sondern eine Überlebensstrategie.



