Technischer Quantensprung: Polestar 3 wechselt im Eiltempo auf 800 Volt
In der rasanten Welt der Elektromobilität sind zwei Jahre Produktlebenszyklus eine Ewigkeit. Das weiß auch die schwedische Premium-Marke Polestar und verpasst ihrem großen Flaggschiff-SUV, dem Polestar 3, ein monumentales Upgrade unter dem Blechkleid. Während das minimalistisch-skandinavische Exterieur unberührt bleibt, krempeln die Ingenieure die komplette Elektro-Architektur der SPA2-Plattform radikal um. Das bisherige 400-Volt-System fliegt komplett raus und macht Platz für ein hochmodernes 800-Volt-Bordnetz.
Der Real-World-Impact dieses Systemwechsels wird für Fahrer vor allem an den High-Power-Chargern entlang der Autobahn spürbar. Statt der bisher maximalen 250 kW zieht der edle Schwede den Ladestrom nun mit einer Spitzenleistung von bis zu 350 kW in die Zellen. Dank der adaptiven Steuerungssoftware von Breathe Charge verkürzt sich das klassische Ladefenster von 10 auf 80 Prozent Ladestand (SoC) auf extrem schlanke 22 Minuten. Selbst wer nur einen kurzen zehnminütigen Kaffeestopp einlegt, presst im Winter unter suboptimalen Bedingungen bis zu 38 Prozent mehr Reichweite in den Akku als beim Vorgänger.
Brutaler Vorwärtsdrang: 680 PS attackieren die Nackenmuskulatur
Neben den kürzeren Standzeiten sorgt das Spannungs-Upgrade in Kombination mit neu entwickelten Permanentmagnet-Synchronmotoren an der Hinterachse für einen massiven Leistungsschub quer durch das gesamte, neu strukturierte Modell-Portfolio. Schon die mittlere Variante "Dual Motor" leistet stramme 400 kW (544 PS) und markiert mit einer WLTP-Reichweite von bis zu 647 Kilometern den Effizienz-Spitzenreiter der Baureihe. Wer jedoch die absolute Krönung sucht, greift zum Topmodell Polestar 3 Performance: Hier wächst die Systemleistung auf gewaltige 500 kW (680 PS) und ein brachiales Drehmoment von 870 Nm.
"Der Polestar 3 Performance bricht mit seinen Fahrleistungen in Regionen auf, die vor wenigen Jahren noch reinrassigen Supersportwagen vorbehalten waren. Aus absolut jedem Geschwindigkeitsbereich stürmt der 2,5 Tonnen schwere Allradler nach vorne wie ein wild gewordener Stier."
Die nackten Zahlen untermauern den sportlichen Anspruch: Aus dem Stand katapultiert sich das SUV in nur 3,9 Sekunden auf Tempo 100, die Höchstgeschwindigkeit wird bei souveränen 230 km/h elektronisch abgeriegelt. Damit das massive Gewicht in schnell gefahrenen Kurven nicht die physikalischen Grenzen sprengt, spendiert Polestar der Performance-Version eine serienmäßige Zweikammer-Luftfederung mit adaptivem Dämpfersystem. Diese minimiert Wankbewegungen spürbar, präsentiert sich in allen Fahrmodi jedoch sportwagen-typisch stramm. Kleinere Komforteinbußen auf schlechtem Asphalt sind angesichts der mächtigen 22-Zoll-Räder der Preis für die messerscharfe Fahrdynamik.
Nvidia Orin-X: Das erste europäische Auto als Software-Defined Vehicle
Im edlen, skandinavisch-puristischen Innenraum setzt Polestar Maßstäbe bei der Digitalisierung. Als erstes europäisches Fahrzeug überhaupt agiert der Dreier als echtes "Software-Defined Vehicle". Das Herzstück der Rechenzentrale bildet der neue Nvidia DRIVE AGX Orin-Prozessor, der die Rechenleistung im Vergleich zum alten System um das Achtfache auf astronomische 254 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde (TOPS) hochschraubt. Das System verwaltet die komplexen Daten der Fahrassistenzsysteme, optimiert das Thermomanagement der Batterie in Echtzeit und steuert den 14,5 Zoll großen Zentralbildschirm, in den Googles generative künstliche Intelligenz Gemini nahtlos integriert ist.
Trotz aller Begeisterung für die digitale Rechenpower zeigt der Purismus im Alltag jedoch auch Schattenseiten. Die Bedienung leidet unter dem radikalen Verzicht auf physische Tasten. Wer die elektrischen Klimasitze verstellen oder die Spiegel justieren möchte, muss sich durch verschachtelte Untermenüs auf dem Touchscreen tippen. Auch das 9 Zoll kleine digitale Instrumentendisplay hinter dem Lenkrad sowie das Head-Up-Display hätten angesichts der Fahrzeugdimensionen durchaus großzügiger ausfallen dürfen. Dafür entschädigt das optionale Bowers & Wilkins Soundsystem mit 25 Lautsprechern und epischen 1.610 Watt Leistung, das dank aktiver Fahrgeräuschunterdrückung eine akustische Oase kreiert.
Technische Daten & Specs: Das Polestar 3 Line-up im Vergleich
Die umfassenden technischen Änderungen unter der Haube zeigen, wie stark sich die drei Ausführungsvarianten im neuen Modelljahr voneinander differenzieren.
| Spezifikation / Feature | Polestar 3 Rear Motor (Basis) | Polestar 3 Dual Motor (Allrad) | Polestar 3 Performance (Topmodell) |
|---|---|---|---|
| Antriebslayout | Reiner Heckantrieb (Single Motor) | Elektrischer Allradantrieb (Dual Motor) | Performance-Allrad mit Heck-Fokus |
| Systemleistung | 245 kW (333 PS) | 400 kW (544 PS) | 500 kW (680 PS) |
| Maximales Drehmoment | 490 Nm | 740 Nm | 870 Nm |
| Beschleunigung (0-100 km/h) | 6,3 Sekunden | 4,5 Sekunden | 3,9 Sekunden |
| Batteriekapazität (Netto) | 92,0 kWh (CATL Lithium-Ionen) | 106,0 kWh (CATL Lithium-Ionen) | 106,0 kWh (CATL Lithium-Ionen) |
| Max. DC-Ladeleistung (800V) | Bis zu 310 kW | Bis zu 350 kW | Bis zu 350 kW (10-80% in 22 min) |
| Reichweite (WLTP-Norm) | Rund 603 Kilometer | Bis zu 647 Kilometer (Maximum) | Rund 561 Kilometer |
| Fahrwerkstechnologie | Stahlfederung mit Passiv-Dämpfern | Stahlfederung / Luftfederung optional | Zweikammer-Luftfederung serienmäßig |
| Kofferraumvolumen | 484 bis 1.411 Liter + 24 Liter Frunk | 484 bis 1.411 Liter + 24 Liter Frunk | 484 bis 1.411 Liter + 24 Liter Frunk |
| Einstiegspreis (Deutschland) | Ab 78.900 Euro | Ab 87.900 Euro | Ab 106.900 Euro |
Fazit: Ein faszinierendes Gesamtpaket, das seinen Preis hat
Mit dem blitzschnellen Wechsel auf die 800-Volt-Technologie korrigiert Polestar die größte Schwachstelle des bisherigen Modells und katapultiert den Dreier an die Spitze des elektrischen Premium-Segments. Ob man den fast 107.000 Euro teuren Performance-Bruder mit 680 PS im Alltag wirklich braucht, bleibt eine Frage des persönlichen Egos – der immense Schub fasziniert, birgt im engen Stadtverkehr jedoch auch nervöses Potenzial. Vernunftkäufer finden im 87.900 Euro teuren Dual Motor das harmonischere und reichweitenstärkere Gesamtpaket, das dank des identischen Ladesystems auf der Langstrecke genau so rasant performt.



