Verlässlichkeit statt Zickzackkurs: Polestar-Chef warnt vor Aufweichung der Klimaziele
Die europäische Automobilindustrie steht an einem kritischen Wendepunkt, an dem politische Unentschlossenheit die mühsam aufgebauten Milliardeninvestitionen der Hersteller zu pulverisieren droht. Während in Brüssel und Berlin vermehrt über eine Aufweichung des Verbrenner-Verbots debattiert wird und die EU-Kommission bereits eine abgeschwächte CO2-Reduktion um 90 Prozent ins Spiel bringt, bezieht die schwedische Premium-Marke Polestar nun klar Stellung. Auf dem Automotive News Europe Congress in Brüssel richtete Konzernchef Michael Lohscheller einen flammenden Appell an die Gesetzgeber, nicht vor der fossilen Lobby einzuknicken.
Der deutsche CEO unterstrich, dass die Industrie für eine erfolgreiche Transformation vor allem eines benötigt: langfristige Planungssicherheit. Ein ständiges Infragestellen bereits beschlossener Meilensteine gefährde nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit Europas, sondern bremse auch den dringend benötigten Ausbau der Ladeinfrastruktur aus. Wer nun ein politisches Zurückrudern fordere, spiele vor allem den technologisch hochentwickelten Konkurrenten aus China in die Karten, die den globalen Markt im reinen Elektro-Segment ohnehin rasant erobern.
Glasklare Kante: Keine Kompromisse mit Plug-in-Hybriden
Während viele traditionelle deutsche Autobauer ihre Entwicklungsbudgets wieder panisch in Richtung hocheffizienter Verbrennungsmotoren und neuer Plug-in-Hybride (PHEVs) umschichten, bleibt Polestar seiner radikalen Linie treu. Das aus Volvo hervorgegangene Unternehmen, das sich im Mehrheitsbesitz des chinesischen Geely-Konzerns befindet, erteilt teilelektrischen Übergangstechnologien eine endgültige Absage. Für Lohscheller ist der Fokus auf eine einzige Antriebsart der entscheidende Hebel für wirtschaftlichen Erfolg.
"Wir haben Autos mit exzellenten Reichweiten auf der Straße, und die europäische Ladeinfrastruktur ist vorhanden – die Rahmenbedingungen für politische Kontinuität sind also vollkommen gegeben. Wir haben absolut nicht vor, Plug-in-Hybride oder Elektrofahrzeuge mit Range Extender auf den Markt zu bringen, da wir uns als reine Elektroauto-Marke etabliert haben. Fokus und Klarheit sind in dieser Phase entscheidend."
Das schwedische Unternehmen operiert seit jeher nach einem extrem schlanken „Asset-Light“-Geschäftsmodell. Polestar besitzt weder eigene, kapitalintensive Fabrikhallen noch ein teures, proprietäres Händlernetz. Stattdessen nutzt die Performance-Marke die bestehenden Fertigungslinien und Werkstätten der Schwestermarke Volvo sowie die globale Einkaufs- und Technologie-Power des Geely-Reiches. Innerhalb dieser Markenarchitektur positioniert sich Polestar neben Volvo und der Newcomer-Marke Zeekr konsequent als designorientierte Speerspitze für sportliche Dynamik.
Polestar 7: Die Zoll-Flucht führt ab 2028 nach Europa
Die größte strategische Baustelle für die Schweden ist derzeit die geografische Verteilung der Produktion. Da der Großteil der aktuellen Fahrzeuge in China und Südkorea gefertigt wird, treffen die Ende 2024 eingeführten EU-Strafzölle auf chinesische Elektroimporte das Unternehmen empfindlich. Um die Lieferketten robuster aufzustellen und die Importbarrieren legal zu umgehen, kündigte Lohscheller eine fundamentale Kehrtwende an: Der kommende Hoffnungsträger Polestar 7 wird ein echter Europäer.
Das kompakte Premium-SUV soll ab dem Jahr 2028 im brandneuen, vollständig klimaneutralen Volvo-Werk im slowakischen Košice vom Band laufen. Das Werk ist exklusiv für reine Elektrofahrzeuge konzipiert und bietet eine jährliche Kapazität von bis zu 250.000 Fahrzeugen. Technisch wird der Polestar 7 auf der hochentwickelten SPA3-Plattform basieren und von modernsten Cell-to-Body-Batterieintegrationen sowie megagegossenen Chassis-Komponenten profitieren, die er sich mit dem kommenden Volvo EX60 teilt. Der globale, CO2-intensive Schiffsverkehr sei laut Lohscheller ohnehin kein zukunftsfähiges Modell – die Strafzölle hätten diesen notwendigen Schritt zur Lokalisierung lediglich beschleunigt.
Gebrauchtwagenmarkt profitiert von explodierenden Benzinpreisen
Trotz der aktuellen politischen Hängepartie in den USA und Europa blickt das Management optimistisch auf die Marktdynamik der kommenden Monate. Ein unerwarteter Treiber für den Umstieg ist der weltweite Anstieg der fossilen Treibstoffpreise. Die explodierenden Kosten an den Zapfsäulen haben das Interesse der Endkunden an batterieelektrischen Fahrzeugen (BEVs) im Sommer sprunghaft ansteigen lassen. Das zeigt sich vor allem auf dem Sekundärmarkt: Die Restwerte und Preise für gebrauchte Stromer ziehen europaweit spürbar an, was zeitversetzt auch das Leasing- und Neuwagengeschäft massiv stabilisieren dürfte.
Europa bleibt mit einem Anteil von satten 78 Prozent am Gesamtabsatz das unangefochtene Kerngebiet für Polestar. Durch die tiefe Integration in das Volvo-Servicenetzkönnen Kunden Wartungen und Reparaturen in fast jeder größeren Stadt durchführen lassen, ohne dass Polestar ein eigenes Filialnetz finanzieren muss. Dieses Modell schützt in Zeiten des aggressiven Preiskampfes im Elektrosegment vor allem die Margen der angeschlossenen Vertragshändler. Mit der anstehenden, größten Produktoffensive der Markengeschichte – inklusive des Marktstarts des viertürigen GT-Flaggschiffs Polestar 5 in diesem Sommer und der Neuauflage des ikonischen Polestar 2 Anfang 2027 – sieht sich das Unternehmen bestens gerüstet, um als Gewinner aus der Transformation hervorzugehen.
Die anstehende Polestar-Produktoffensive bis 2028 im Überblick
| Modell | Segment / Karosserieform | Erwarteter Marktstart | Produktionsstandort & Plattformbasis |
|---|---|---|---|
| Polestar 4 Refreshed | D-Segment SUV-Coupé (Neue Heckfenster-Variante) | Ende 2026 (Auslieferungen Q4) | Hangzhou Bay (China) / Geely SEA-Plattform |
| Polestar 5 | 4-türiger Luxus-Grand-Tourer (Halo-Car) | Sommer 2026 (Auslieferung gestartet) | Chongqing (China) / Geklebtes Aluminium-Chassis |
| Polestar 2 (Next Gen) | Premium-Mittelklasse-Limousine (Marken-Fundament) | Anfang 2027 (Komplette Neuentwicklung) | Luqiao (China) / Next-Gen Geely EV-Architecture |
| Polestar 7 | Premium Kompakt-SUV (Volumenmodell) | 2028 (Erstes Europa-Modell) | Košice (Slowakei) / Volvo SPA3-Plattform (800V) |



