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Mercedes Krise: Belegschaft soll länger arbeiten ohne Lohnausgleich

Constantin Hoffmann

Constantin Hoffmann

1. Juli 2026·3 Min. Lesezeit
Mercedes Krise: Belegschaft soll länger arbeiten ohne Lohnausgleich

Der Stuttgarter Premium-Automobilhersteller Mercedes-Benz verschärft angesichts massiver Gewinnrückgänge drastisch den internen Sparkurs. Neben der Verschiebung des tariflichen Transformationsgeldes auf das kommende Jahr plant das Management eine Verlängerung der 35-Stunden-Woche ohne finanziellen Ausgleich. Diese als „Produktivitätsoffensive“ deklarierte Maßnahme stößt auf harten Widerstand des Betriebsrats und signalisiert eine tiefe Strukturkrise.

Kahlschlag im Premium-Segment: Mercedes fordert Mehrarbeit ohne Lohnausgleich

Die wirtschaftliche Hitzewelle im europäischen Automobilsektor erreicht nach Volkswagen nun auch die Luxusklasse in Stuttgart mit voller Wucht. Eine interne Präsentation für Führungskräfte legt offen, dass die Konzernleitung von Mercedes-Benz hinter verschlossenen Türen ein radikales Sparprogramm vorbereitet. Unter dem ungewöhnlich ungeschminkten Leitmotiv „Mehr Arbeit für das gleiche Geld“ soll die Belegschaft die Transformationskosten des Herstellers direkt im Portemonnaie spüren.

Der wirtschaftliche Druck, unter dem der DAX-Konzern agiert, lässt sich kaum noch wegdiskutieren. Allein im ersten Quartal sank das Konzernergebnis um 17,2 Prozent, nachdem der Jahresgewinn im Vorjahr bereits um fast die Hälfte auf 5,3 Milliarden Euro eingebrochen war. Teure Doppelstrukturen aus Verbrenner-Erbe und neuen Elektroplattformen, gepaart mit schwächelnden Absatzzahlen in China und Europa, zwingen das Management zu drastischen Schritten, um die EBIT-Marge zu stabilisieren.

Sofortmaßnahme: T-Geld wird bis 2027 eingefroren

Als akuter Liquiditätshebel greift Mercedes-Benz zu einer drastischen Maßnahme und verschiebt das tarifliche Transformationsgeld (T-Geld). Diese Sonderzahlung, die von der IG Metall mit 18,4 Prozent eines individuellen Monatsentgelts ausgehandelt wurde, fließt normalerweise im Juli an rund 90.000 Tarifbeschäftigte, Auszubildende und dual Studierende. Nun wird der Transformationsbaustein nach jetziger Planung vorerst auf April 2027 verschoben – wobei sich das Management bei einer weiteren Verschlechterung der Lage sogar einen kompletten Ausfall vorbehält.

"Trotz all unserer Anstrengungen ist die Situation heute in Deutschland dramatisch. Jedes neue Produkt und jede zusätzliche Aufgabe an deutschen Standorten macht den Konzern teurer. Der direkteste und in unseren Augen fairste Weg ist: Wir sollten in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten."

Doch das eigentliche Streitthema der kommenden Wochen betrifft die Kernarbeitszeit. Das Management will rütteln an der traditionsreichen 35-Stunden-Woche der Metall- und Elektroindustrie. Geplant ist eine dauerhafte Verlängerung der wöchentlichen Arbeitszeit in Entwicklung, Vertrieb, Verwaltung und Produktion – jedoch ohne jeglichen finanziellen Lohnausgleich. Für das Führungspersonal wurden zudem für die Jahre 2025 und 2026 strikte Nullrunden vereinbart, die durch ein neues, ergebnisabhängiges Bonussystem abgelöst werden.

Verlagerungen ins Ausland und Strukturverschlankung

Das Restrukturierungskonzept geht weit über temporäre Nullrunden hinaus und zielt auf das fundamentale Fundament des Konzerns. Die Konzernführung prüft intensiv die strategische Verlagerung von administrativen Overhead-Kosten sowie ganzer Produktgruppen und Verwaltungsfunktionen in kostengünstigere Auslandsmärkte. Parallel dazu sollen gewachsene Hierarchieebenen rigoros weggeschnitten werden, um Entscheidungsprozesse zu beschleunigen und die interne Bürokratie einzudampfen.

Der Gesamtbetriebsrat reagierte prompt mit scharfer Kritik und bezeichnete die Verschiebung der Sonderzahlung als rein einseitige Entscheidung des Vorstands, die nicht das Ergebnis gemeinsamer Verhandlungen sei. Da ohne eine offizielle Öffnungsklausel in den regionalen Tarifverträgen eine einseitige Erhöhung der Wochenarbeitszeit rechtlich unzulässig ist, droht dem Autobauer im kommenden Herbst eine zähe, hochemotionale Konfrontation mit der Arbeitnehmervertretung.

Die harten Sparmaßnahmen bei Mercedes-Benz im Überblick

Die nachfolgende Matrix bündelt die Kernpunkte der internen Produktivitätsoffensive und deren direkte Auswirkungen auf die deutschen Standorte.

Maßnahme / Kostentreiber Bisheriger Status (Standard) Geplante Anpassung (Restrukturierung)
Wöchentliche Arbeitszeit 35-Stunden-Woche (Tarifvertrag Metall & Elektro) Verlängerung der Wochenarbeitszeit ohne finanziellen Lohnausgleich
Transformationsgeld (T-Geld) 18,4 Prozent des Monatsentgelts (Auszahlung im Juli) Verschiebung auf April 2027 (Ausfall bei Krisen-Verschärfung vorbehalten)
Gehaltsentwicklung Führungsebene Reguläre Tarif- und Gehaltsanpassungen Strikte Nullrunden für die Jahre 2025 und 2026 vereinbart
Vergütungsstruktur Management Klassische Fixgehälter mit Standard-Bonus Einführung eines rein erfolgsabhängigen, variablen Bonussystems
Arbeitsmodell & Organisation Flexibles Homeoffice nach Post-Pandemie-Kultur Deutliche Erhöhung der verpflichtenden gemeinsamen Präsenztage im Büro
Infrastruktur & Standorte Fokus auf traditionelle deutsche Stammwerke Prüfung der Verlagerung von Produkten und Verwaltung ins Ausland

Fazit: Ein gefährlicher Spagat für die Marke mit dem Stern

Mit der harten Kommunikation bricht der Vorstand ein Tabu und zeigt, wie tief der Premium-Pionier im Transformations-Dilemma steckt. Während Mitbewerber wie BYD dank extrem hoher vertikaler Integration und eigener Batteriekompetenz die Kosten im Griff haben, leidet Mercedes-Benz unter einer historisch gewachsenen, teuren Kostenbasis. Ob der Plan, die Stückkosten über unbezahlte Mehrarbeit zu senken, an den Verhandlungstischen mit der IG Metall Bestand hat, bleibt fraglich. Für die Attraktivität des Industriestandorts Deutschland ist dieses ungeschminkte Sparprogramm jedenfalls das nächste alarmierende Warnsignal.

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