Unkontrolliertes Ausbrechen bei voller Fahrt: NHTSA nimmt Rivian ins Visier
Der US-amerikanische Elektroauto-Pionier Rivian sieht sich im Mai 2026 mit einer massiven Untersuchung der nationalen Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA konfrontiert. Das Office of Defects Investigation (ODI) hat ein offizielles Verfahren mit dem Aktenzeichen PE26004 eingeleitet, nachdem besorgniserregende Vorfälle bezüglich der hinteren Radaufhängung gemeldet wurden. Laut den Behördenunterlagen stehen die Premium-Modelle R1S und R1T der Modelljahre 2022 bis 2025 unter dringendem Verdacht, ein gravierendes Sicherheitsrisiko zu bergen. Die Untersuchung umfasst eine Population von insgesamt 114.922 Fahrzeugen.
Der Auslöser für den behördlichen Stresstest waren zwei detaillierte Beschwerden von betroffenen Fahrzeughaltern. In beiden Fällen kollabierte die linke hintere Spurstange (Toe Link) unangekündigt während der Fahrt, was zu einem sofortigen Stabilitätsverlust führte. Ohne Vorwarnung brachen die schweren Elektro-Boliden aus und schleuderten unkontrolliert über mehrere Fahrspuren hinweg. Während einer der Vorfälle glimpflich ausging, endete die zweite Havarie in einer realen Kollision mit einem anderen Fahrzeug und der seitlichen Leitplanke. Schwere Verletzungen oder Todesfälle wurden glücklicherweise bislang nicht registriert.
Gebrochene Bolzen im Real-World-Impact: Wenn die Spurführung versagt
Die technische Kernursache des Kontrollverlusts liegt in einem mechanischen Versagen der Schraubverbindung. Die Ermittler stellten fest, dass bei beiden betroffenen Fahrzeugen der zentrale Haltebolzen der Spurstangen-Baugruppe glatt durchgebrochen war. Die hintere Spurstange ist im Fahrwerk dafür zuständig, die Spurtreue der Hinterräder exakt zu kontrollieren. Reißt diese Verbindung ab, schlägt das betroffene Rad unkontrolliert ein, was die Fahrphysik eines schweren SUVs im selben Moment völlig unberechenbar macht. Zur Analyse wertet die NHTSA derzeit Servicehistorien, Bildmaterial der Schäden, Bordkamera-Aufnahmen und offizielle Polizeiberichte aus.
Besonders rätselhaft für die Experten: Die beiden verunglückten SUVs wiesen völlig unterschiedliche Vorgeschichten auf. Während eines der Fahrzeuge eine Wartungshistorie im Bereich der Aufhängung aufwies, war das andere zuvor in einen klassischen Unfall verwickelt und repariert worden. Dennoch zeigten beide Elektroautos nach diesen Ereignissen monatelang keinerlei Auffälligkeiten im Alltag und spulten Tausende von Kilometern problemlos ab, bevor die Bolzen im Mai 2026 urplötzlich nachgaben. Dies nährt den Verdacht, dass das Bauteil einer schleichenden Materialermüdung unterliegt.
| Untersuchungs- & Tech-Parameter | Fakten zur NHTSA-Prüfung PE26004 (Stand Mai 2026) |
|---|---|
| Betroffene Fahrzeugmodelle | Rivian R1S (SUV) und Rivian R1T (Pick-up) |
| Relevante Modelljahre | 2022 bis 2025 (Aktuelle Kernflotte auf US-Straßen) |
| Untersuchungsvolumen | 114.922 registrierte Fahrzeuge im Markt |
| Identifiziertes Schadensbild | Bruch des Haltebolzens der linken hinteren Spurstange (Toe Link) |
| Sicherheitsrisiko im Alltag | Plötzlicher Stabilitätsverlust, unkontrolliertes Ausbrechen |
| Bisheriger Rückrufstatus (Anfang 2026) | Freiwilliger Rückruf von knapp 20.000 Einheiten wegen Service-Fehlern |
| Aktueller Status des Verfahrens | Vorläufige Bewertung (Vorstufe zu einem potenziellen Zwangsrückruf) |
Der Schatten des alten Rückrufs: Versagt Rivians Reparaturmethode?
Das Fahrwerksproblem kommt für den Hersteller nicht völlig überraschend. Bereits im März 2025 hatte Rivian die Sensibilität der Spurstangen-Baugruppe gegenüber fehlerhaften Wartungsarbeiten erkannt und die internen Reparaturleitfäden modifiziert. Da Techniker zuvor wiederholt mit veraltetem Werkzeug oder falschem Drehmoment agierten, folgte Anfang 2026 ein freiwilliger Rückruf für knapp 20.000 Fahrzeuge, die vor diesem Stichtag in den Werkstätten bearbeitet wurden. Der aktuelle Vorstoß der US-Behörden prüft nun unbarmherzig, ob dieser punktuelle Service-Rückruf überhaupt ausreichte oder ob ein genereller Konstruktionsfehler vorliegt.
Rivian selbst reagierte umgehend und betonte die uneingeschränkte Kooperation mit der NHTSA, wies Vorwürfe über einen generellen Produktfehler jedoch vehement zurück. Die hauseigenen Telemetriedaten und Belastungstests zeigen laut Unternehmensangaben, dass die Gelenke im Normalbetrieb exakt wie vorgesehen arbeiten. Die zwei von der Behörde herangezogenen Einzelfälle seien auf extreme Vorschädigungen zurückzuführen und würden keinen Rückschluss auf die gesamte Flotte zulassen. Die Bundesbehörde will im Rahmen der "Preliminary Evaluation" nun klären, ob die Aufhängung im Alltag unzulässigen Kräften ausgesetzt ist und ob Rivians neue Reparaturanweisungen das Risiko final bannen.
"Die Eröffnung einer vorläufigen Bewertung ist der erste formelle Schritt der Bundesregierung bei der Untersuchung potenzieller Serienfehler. Wir prüfen unzensiert, ob die hintere Spurstangen-Konstruktion von Rivian empfindlich auf normale Straßen- und Umwelteinflüsse reagiert. Sollten die aktualisierten Werkstatt-Prozeduren des Herstellers Mängel aufweisen, werden wir zum Schutz der Verbraucher eine Ausweitung der Rückrufmaßnahmen auf die gesamte Fahrzeugpopulation im Markt durchsetzen."



