95 Prozent fertig, aber auf Eis gelegt: Polestar bremst seinen Vorzeige-Sportwagen aus
Es sollte der ultimative Endgegner für den kommenden Porsche 718 EV und den ewigen Mythos des Tesla Roadster werden. Doch im Mai 2026 vollzieht die schwedische Performance-Marke Polestar eine schmerzhafte, rein betriebswirtschaftliche Kehrtwende. Obwohl die tiefgreifende Entwicklungsarbeit am vollelektrischen Luxus-Roadster Polestar 6 laut Konzernkreisen zu rund 95 Prozent abgeschlossen ist, rutscht das Prestigeprojekt auf der internen Prioritätenliste des Managements weit nach hinten. Der mit Spannung erwartete Marktstart, der ursprünglich für das laufende Jahr 2026 anvisiert war, verzögert sich damit mindestens bis zum Ende des Jahrzehnts.
Die Gründe für den plötzlichen Entwicklungsstopp liegen in einer radikal veränderten Dynamik auf den globalen Automärkten. Anstatt Kapital in einem nischigen, hochpreisigen Cabrio-Segment zu verbrennen, muss Polestar mit aller Härte die eigene Profitabilität absichern. Im Fokus der kommenden Jahre stehen daher die margenstarken Volumenmodelle. Das Produkt-Pipeline-Management konzentriert sich bis 2028 voll auf den Hochlauf der Oberklasse-Limousine Polestar 5, den Ausbau des Crossovers Polestar 4 sowie die Entwicklung des kompakten Einstiegs-SUVs Polestar 7 und der zweiten Generation des erfolgreichen Polestar 2.
Die PPA-Architektur: Technische Perfektion wartet in der zweiten Reihe
Technologisch ist die Verschiebung besonders bitter, denn das mechanische Fundament des Polestar 6 steht komplett austrainiert bereit. Der offene 2+2-Sitzer basiert auf der hochentwickelten Polestar Performance Architecture (PPA) – einer extrem verwindungssteifen Struktur aus geklebtem Aluminium. Da der Roadster im Real-World-Impact im Wesentlichen eine verkürzte, zweitürige Variante des Polestar 5 darstellt, erbt er eins zu eins dessen brutales High-End-Layout. Unter dem flachen Fahrzeugboden sitzt das identische 112-kWh-Batteriepack mit modernster 800-Volt-Schnellladetechnik, das die massiven Elektromotoren mit Energie versorgt.
Die Leistungsdaten des Topmodells bewegen sich in Regionen reinrassiger Hypercars: Das Dual-Motor-Setup presst im Zusammenspiel mit einem intelligenten Allradantrieb atemberaubende 660 kW (890 PS) und ein maximales Drehmoment von 900 Nm auf den Asphalt. Der Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 ist in mickrigen 3,2 Sekunden erledigt, während die Höchstgeschwindigkeit bei elektronisch abgeregelten 250 km/h liegt. Die vorläufige WLTP-Reichweite wird trotz der aerodynamisch anspruchsvollen Cabrio-Silhouette mit stolzen 595 Kilometern beziffert. Die einzigen mechanischen Edge-Cases, die die schwedischen Ingenieure vor der finalen Serienfreigabe noch lösen müssen, betreffen die präzise Kinematik des klappbaren Hardtop-Dachs sowie das Packaging der engen Rücksitze.
| Technische Spezifikationen & Specs | Polestar 6 (Roadster / Entwicklungsstand 2026) | Polestar 5 (Luxus-Limousine / Serien-Basis) |
|---|---|---|
| Antriebskonzept & Plattform | Allradantrieb (AWD) | Skalierbare PPA-Aluminiumplattform | Allradantrieb (AWD) | Dedizierte PPA-Performancebasis |
| Systemleistung (Kilowatt / PS) | 660 kW (890 PS) im Overboost-Modus | 660 kW (890 PS) in der Top-Konfiguration |
| Maximales Systemdrehmoment | 900 Nm (Permanente Drehmomentverteilung) | 900 Nm via Dual-PMSM-Maschinen |
| Batteriekapazität (Brutto) / Spannung | 112,0 kWh / 800-Volt-High-Power-Netzwerk | 112,0 kWh / 800-Volt-Architektur inklusive Foot-Garages |
| Maximale WLTP-Reichweite | ca. 595 Kilometer (Prognose durch Aero-Schliff) | ca. 610 Kilometer im kombinierten Zyklus |
| DC-Schnellladezeit (10-80 %) | ca. 22 Minuten an 350-kW-HPC-Schnellladesäulen | ca. 22 Minuten via High-Power-Charging |
| Geplanter Produktionsstandort | Chengdu / China (Gemeinsame Fertigungslinie) | Chengdu / China (Massenhochlauf läuft an) |
| Voraussichtlicher Basispreis (UVP) | Ab ca. 200.000 Euro (Streng limitierte LA Concept) | Ab ca. 140.000 Euro (Marktstart im Sommer) |
Das Zoll-Dilemma: Der Handelskrieg blockiert den US-Markt
Neben den internen Budget-Umschichtungen kollidiert der Polestar 6 mit einer brutalen geopolitischen Realität. Da das Fahrzeug im chinesischen Werk in Chengdu gemeinsam mit dem Polestar 5 vom Band laufen soll, gerät die Marke mitten in das Kreuzfeuer des internationalen Handelskriegs. Die US-Regierung belegt in China gefertigte Elektrofahrzeuge im Jahr 2026 mit einem drakonischen Strafzoll von exakt 100 Prozent. Dieser Protektionismus macht den Export in die USA wirtschaftlich unrentabel – der Einstiegspreis des Roadsters würde sich über Nacht von rund 200.000 US-Dollar auf unbezahlbare 400.000 US-Dollar verdoppeln. Das gleiche Schicksal ereilte bereits das Schwestermodell Lotus Eletre.
Während der kanadische Markt seine Tore durch radikale Zollsenkungen für asiatische Importe weit geöffnet hat, bleibt der für Luxussportwagen essenzielle US-Markt komplett dicht. Polestar versucht nun verzweifelt, das finanzielle Risiko zu minimieren. Die PPA-Aluminiumplattform wurde glücklicherweise so flexibel konstruiert, dass sie für weitere Fahrzeugderivate genutzt werden kann. Hinter den Kulissen prüfen die Produktplaner derzeit mit Hochdruck, ob anstelle des Roadsters ein mächtiges, vollelektrisches Performance-SUV auf PPA-Basis vorgezogen werden kann, das als direkter Konkurrenz-Fighter gegen den Porsche Cayenne Electric antritt – da SUVs im globalen Alltag deutlich höhere Stückzahlen und damit stabilere Gewinnmargen garantieren.
"Die Hardware und die Kernkomponenten des Polestar 6 sind vollkommen einsatzbereit. Doch im aktuellen Marktumfeld des Jahres 2026 hat das fehlerfreie Funktionieren und der wirtschaftliche Erfolg unserer Volumenmodelle Polestar 2 und Polestar 7 absolute Priorität. Erst wenn wir das Fundament unseres Geschäfts nachhaltig gestärkt und die globalen Lieferketten stabilisiert haben, können wir uns den Luxus eines solchen Halo-Sportwagens im Portfolio erlauben."
Real-World-Impact: Ein begehrtes Sammlerstück auf unbestimmte Zeit
Für wohlhabende Enthusiasten, die bereits im Jahr 2022 eine Anzahlung von satten 25.000 US-Dollar für die exklusive "LA Concept"-Launch-Edition auf den Tisch gelegt hatten, ist die Verschiebung eine herbe Enttäuschung. Die ersten 500 nummerierten Einheiten im markanten Himmelsblau waren damals innerhalb von nur einer Woche restlos ausverkauft. Polestar versichert zwar, dass alle geleisteten Anzahlungen gesichert sind und die Verträge ihre Gültigkeit behalten, doch bis die glanzgedrehten 21-Zoll-Felgen des Serien-Roadsters tatsächlich europäischen Asphalt berühren, fließt noch eine Menge Strom durch die Netze. Wer im Jahr 2026 ein kompromissloses, offenes Elektro-Fahrgefühl mit modernster 800-Volt-Ladetechnik sucht, muss sich wohl oder übel beim Mercedes-AMG GT 4-Türer oder den High-End-Derivaten von Porsche umsehen.



